Historischer Zeitstrahl & Köpfe des Boxers
Vom Contra-Motor des Carl Benz bis zum Hybrid-Boxer im aktuellen 911: Dieser Zeitstrahl zeigt, wie sich der Boxermotor in 130 Jahren entwickelt hat, und stellt die Menschen vor, die ihn geprägt haben. Bei Porsche, aber auch bei BMW, Volkswagen, Citroën, Subaru und in der Luftfahrt.
Zeigen:
Der Ursprung 1896 – 1929
Ende des 19. Jahrhunderts schüttelten sich die frühen Verbrennungsmotoren förmlich selbst durch. Die Frage war: Wie lässt sich ein Motor bauen, der ruhig läuft, ohne schwere Ausgleichsgewichte? Die Antwort waren gegenüberliegende Zylinder.
- 1896
Der Contra-Motor
Carl Benz entwickelt einen Zweizylindermotor mit gegenüberliegenden Zylindern und nennt ihn „Contra-Motor“. Er gilt als erster Boxermotor. Weil sich die Kolben spiegelbildlich bewegen, heben sich die Massenkräfte erster Ordnung auf. Der Motor läuft spürbar ruhiger als die damals üblichen stehenden Motoren.
- ab 1897
Im Benz Dos-à-Dos
Der Contra-Motor treibt Benz-Wagen wie den Dos-à-Dos an, dessen Name („Rücken an Rücken“) von der Sitzanordnung kommt. Später gibt es ihn auch in größeren Versionen für Lieferwagen und Omnibusse.
- ab 1907
Der Boxer kommt aufs Motorrad
Der englische Hersteller Douglas baut Motorräder mit längs eingebautem Zweizylinder-Boxer. Der flache Motor passt gut in den Rahmen und hält den Schwerpunkt tief.
- 1920/21
Der BMW-Boxer M2B15
Max Friz konstruiert für BMW den Zweizylinder-Boxer M2B15. Er wird zunächst an andere Motorradhersteller verkauft, etwa an Victoria, und liefert die Grundlage für das erste eigene BMW-Motorrad.
- 1923
BMW R 32: quer eingebaut, mit Kardanwelle
Die R 32 ist das erste Motorrad von BMW. Friz baut den Boxer quer ein, sodass beide Zylinder im Fahrtwind liegen, und überträgt die Kraft über eine Kardanwelle statt über eine Kette. Dieses Konzept prägt BMW-Motorräder bis heute.
Carl Benz 1844 – 1929
- Rolle
- Automobilpionier, Erfinder des Contra-Motors
- Beitrag zum Boxer
- Erster Motor mit gegenüberliegenden Zylindern (1896)
Carl Benz ist als Erfinder des Automobils bekannt. 1886 meldete er seinen „Motorwagen“ zum Patent an. Weniger bekannt ist, wie intensiv er sich mit der Laufruhe seiner Motoren beschäftigt hat. Die frühen Einzylinder schüttelten Fahrzeug und Insassen kräftig durch. Benz erkannte, dass sich die Kräfte zweier gegenüberliegender Kolben gegenseitig aufheben, wenn sie sich spiegelbildlich bewegen. In seinen Entwurfsskizzen zum Contra-Motor ist dieser Gedanke schon klar zu erkennen.
Damit legte Benz das Fundament für ein Bauprinzip, das Jahrzehnte später BMW, Volkswagen, Porsche, Citroën, Alfa Romeo und Subaru weiterentwickeln sollten.
Max Friz 1883 – 1966
- Rolle
- Chefkonstrukteur bei BMW
- Meisterwerk
- BMW R 32 mit quer eingebautem Boxer und Kardanantrieb
Max Friz war eigentlich Flugmotoren-Konstrukteur. Sein Sechszylinder-Reihenmotor BMW IIIa machte BMW im Ersten Weltkrieg bekannt. Nach dem Krieg durfte BMW in Deutschland keine Flugmotoren mehr bauen, und Friz wandte sich dem Motorrad zu. Sein Zweizylinder-Boxer M2B15 wurde zunächst an andere Hersteller geliefert.
1923 folgte mit der R 32 das erste eigene BMW-Motorrad, und Friz traf zwei Entscheidungen, die bis heute gelten: Er baute den Boxer quer ein, sodass beide Zylinder gleichmäßig im Fahrtwind gekühlt werden, und er trieb das Hinterrad über eine Kardanwelle an. Ein quer liegender Boxer und ein Kardan passen ideal zusammen, weil die Kurbelwelle schon in Fahrtrichtung zeigt. Über hundert Jahre später steckt dieses Prinzip noch in jeder BMW-Boxer-Maschine.
Massenmotorisierung und Sport-Gene 1930 – 1959
In diesen drei Jahrzehnten wird der Boxer zum Motor für alle: luftgekühlt, robust, einfach zu reparieren. Gleichzeitig zeigt eine kleine Sportwagenfirma in Gmünd und später Zuffenhausen, dass aus demselben Prinzip ein Rennmotor werden kann.
- 1931
Der Boxer hebt ab
Mit kleinen Vierzylinder-Boxern wie dem Continental A-40 beginnt die Karriere des Boxers im Leichtflugzeug. Er ist leicht, luftgekühlt und passt flach hinter den Propeller. Bis heute ist der Boxer dort die Standardbauart.
- 1934
Vorläufer: der NSU-Prototyp Typ 32
Das Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche entwirft für NSU den Kleinwagen Typ 32 mit Heckmotor und luftgekühltem Vierzylinder-Boxer. Er geht nicht in Serie, nimmt aber vieles vom späteren Volkswagen vorweg.
- 1938
Der luftgekühlte Ur-Boxer
Der KdF-Wagen, der spätere VW Käfer, bekommt seinen luftgekühlten Vierzylinder-Boxer im Heck: knapp ein Liter Hubraum und rund 24 PS. Ein Gebläse statt eines Wasserkühlers macht den Motor frostsicher und unempfindlich gegen Hitze. Die Großserie beginnt erst nach dem Krieg, ab 1945, mit 1,1 Litern und 25 PS.
- 1939
Typ 64: der Berlin-Rom-Wagen
Für eine geplante Fernfahrt von Berlin nach Rom entsteht auf Käfer-Basis ein stromlinienförmiges Coupé mit leistungsgesteigertem Boxer. Die Fahrt findet wegen des Krieges nie statt, doch der Typ 64 gilt als Urahn aller Porsche-Sportwagen.
- 1948
Porsche 356 und Citroën 2CV
Im selben Jahr starten zwei ganz unterschiedliche Boxer-Autos. Der Porsche 356 Nr. 1 nutzt einen verbesserten Käfer-Motor mit 1,1 Litern und 35 PS. Der Citroën 2CV („Ente“) bekommt einen luftgekühlten Zweizylinder-Boxer, konstruiert von Walter Becchia. Mit anfangs nur 375 cm³ ist er sparsam und nahezu unverwüstlich.
- 1953
Der Fuhrmann-Motor (Typ 547)
Ernst Fuhrmann konstruiert den ersten reinrassigen Renn-Boxer von Porsche: 1,5 Liter, vier obenliegende Nockenwellen, die über Königswellen angetrieben werden, und Doppelzündung. Im Porsche 550 Spyder leistet er rund 110 PS, etwa das Vierfache eines Käfer-Motors.
- 1954 / 1956
Carrera Panamericana und Targa Florio
1954 holt der 550 Spyder einen Klassensieg bei der Carrera Panamericana in Mexiko. Von diesem Rennen hat der Name „Carrera“ seinen Ursprung. 1956 folgt mit dem 550 A der Gesamtsieg bei der Targa Florio auf Sizilien, der erste große internationale Gesamtsieg für Porsche.
Ferdinand Porsche 1875 – 1951
- Rolle
- Konstrukteur, Gründer des Porsche-Konstruktionsbüros (1931)
- Beitrag zum Boxer
- Gesamtkonzept des Volkswagens mit luftgekühltem Heck-Boxer
Ferdinand Porsche hatte schon Elektro- und Hybridautos, Rennwagen und Flugmotoren konstruiert, als er 1931 in Stuttgart sein eigenes Konstruktionsbüro gründete. Der Kleinwagen war sein großes Thema: Schon die Entwürfe für Zündapp und NSU zielten auf ein bezahlbares Auto mit Heckmotor.
Für den Volkswagen verband sein Team die Erfahrungen zu einem schlüssigen Gesamtkonzept: luftgekühlter Vierzylinder-Boxer im Heck, Zentralrohrrahmen, Drehstabfederung. Der Boxer passte perfekt, weil er flach und kurz baut, ruhig läuft und ohne Kühlwasser auskommt. Wie viel davon Porsche selbst und wie viel seine Mitarbeiter beigetragen haben, ist bei vielen Details nicht mehr genau zu klären. Unbestritten ist, dass aus seinem Büro der meistgebaute Boxer der Welt hervorging.
Franz Xaver Reimspieß 1900 – 1979
- Rolle
- Konstrukteur im Porsche-Konstruktionsbüro
- Meisterwerk
- Der luftgekühlte Vierzylinder-Boxer des VW Käfer
Hinter dem bekanntesten Boxermotor der Welt steht ein Name, den kaum jemand kennt: Franz Xaver Reimspieß. Der aus Österreich stammende Ingenieur gilt als Konstrukteur des luftgekühlten Vierzylinder-Boxers für den Volkswagen. Am Konzept hatte das Büro zuvor mehrere Motorbauarten erprobt, darunter Zweitakter und Zweizylinder. Durchgesetzt hat sich Reimspieß’ Vierzylinder-Boxer.
Sein Motor ist ein Musterbeispiel für einfache, robuste Technik: eine unten liegende Nockenwelle, die die Ventile über Stößelstangen betätigt, einzeln aufgesetzte Zylinder, ein Gebläse statt Wasserkühlung und wenige, leicht zugängliche Teile. Viele Käfer-Fahrer haben ihren Motor am Straßenrand selbst repariert. Er wurde in Wolfsburg, Brasilien und Mexiko über Jahrzehnte gebaut, im Käfer bis 2003 und im VW-Bus noch länger.
Übrigens: Reimspieß wird auch der Entwurf des VW-Logos zugeschrieben.
Ernst Fuhrmann 1918 – 1995
- Rolle
- Konstrukteur von Rennmotoren, 1972 bis 1980 Chef von Porsche
- Meisterwerk
- Der Fuhrmann-Motor (Typ 547), der erste Renn-Boxer von Porsche
Der Mann, der dem Boxer das Siegen beibrachte
Anfang der 1950er-Jahre war Porsche eine junge Sportwagenmarke. Der Motor des 356 basierte noch auf dem Käfer-Boxer: standfest und sparsam, für große internationale Rennen aber zu schwach und nicht drehfreudig genug.
Der promovierte Wiener Ingenieur Ernst Fuhrmann, seit 1947 bei Porsche, sollte das ändern. Ab 1952 entwickelte er einen kompromisslosen Rennmotor auf Boxer-Basis, den Typ 547. Er hatte 1,5 Liter Hubraum, je zwei obenliegende Nockenwellen pro Zylinderreihe, also vier insgesamt, und zwei Zündkerzen pro Zylinder. Die Nockenwellen trieb Fuhrmann nicht über Ketten an, sondern über Königswellen (siehe Kasten oben). So blieben die Steuerzeiten auch bei sehr hohen Drehzahlen exakt. Die Doppelzündung sorgte für eine schnellere, gleichmäßigere Verbrennung.
Schon die erste Version leistete rund 110 PS, der Käfer-Motor jener Jahre hatte 25 bis 30 PS.
Genial, aber anspruchsvoll
Der Preis für diese Leistung war eine enorme Komplexität. Die vielen Kegelräder und Wellen mussten von Hand exakt aufeinander abgestimmt werden, und nur wenige Spezialisten in Zuffenhausen konnten einen Fuhrmann-Motor aufbauen und einstellen. Die Montage eines Motors dauerte mehrere Arbeitstage.
Erfolge und Erbe
Im 550 Spyder fuhr der Typ 547 1954 einen Klassensieg bei der Carrera Panamericana ein, 1956 gewann der 550 A die Targa Florio. Abgeleitete Motoren trieben unter anderem den 356 Carrera an, dem das Rennen in Mexiko seinen Namen gab.
Fuhrmann verließ Porsche 1956, kehrte 1971 zurück und führte das Unternehmen von 1972 bis 1980. In seine Zeit fallen der 911 Turbo und die großen Le-Mans-Erfolge. Fuhrmann setzte aber auch auf die wassergekühlten Frontmotor-Modelle 924 und 928 und wollte den 911 auslaufen lassen. Erst sein Nachfolger Peter Schutz entschied 1981, den 911 weiterzuentwickeln. Dass der Sechszylinder-Boxer bis heute lebt, ist also auch einem Kurswechsel gegen Fuhrmanns Pläne zu verdanken.
Der Sechszylinder-Mythos 1960 – 1973
Anfang der 1960er-Jahre war der Vierzylinder-Boxer im Porsche 356 ausgereizt. Die Kunden wollten mehr Leistung und mehr Laufruhe, ohne dass der Motor im Heck mehr Platz beanspruchte. Die Antwort war ein neuer Sechszylinder-Boxer, und mit ihm begann die Geschichte des 911. Zur selben Zeit startete in Japan ein Hersteller, der den Boxer später zu seinem Markenzeichen machen sollte.
- 1963
Porsche 901, der spätere 911
Auf der IAA in Frankfurt zeigt Porsche den 901 mit einem völlig neuen luftgekühlten Sechszylinder-Boxer (Typ 901/01): 2,0 Liter Hubraum, 130 PS bei 6.100/min, eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderreihe mit Kettenantrieb, ein Axialgebläse und Trockensumpfschmierung. Wegen eines Namensstreits mit Peugeot heißt das Auto ab 1964 „911“. Die Zündfolge 1-6-2-4-3-5 und das Gebläse prägen den typischen Klang.
- 1966
Subaru 1000
Subaru stellt sein erstes Auto mit Boxermotor vor, einen wassergekühlten Vierzylinder mit Frontantrieb. Damit beginnt eine Tradition, die bei Subaru bis heute anhält.
- 1966
911 S: 160 PS aus zwei Litern
Mit geschmiedeten Kolben, größeren Ventilen und schärferen Nockenwellen leistet der 911 S 160 PS. Er bekommt als erster 911 die geschmiedeten Fuchs-Felgen, die bis heute als Porsche-Klassiker gelten.
- 1968
Leichter durch Magnesium
Das Kurbelgehäuse des 911 wird ab Modelljahr 1968 aus Magnesium statt Aluminium gegossen. Das spart Gewicht, macht das Gehäuse aber empfindlicher. Ab 1977 kehrt Porsche deshalb zu Aluminium zurück.
- 1969 – 1971
Einspritzung und mehr Hubraum
Der 911 E und der 911 S bekommen eine mechanische Saugrohreinspritzung von Bosch, die das Gemisch genauer dosiert als Vergaser. Der Hubraum wächst in Schritten auf 2,2 Liter (Modelljahr 1970) und 2,4 Liter (Modelljahr 1972).
- 1970 / 1971
Porsche 917: Le-Mans-Sieg mit zwölf Zylindern
Porsche gewinnt erstmals die 24 Stunden von Le Mans und wiederholt den Sieg 1971. Der luftgekühlte Zwölfzylinder des 917 stammt aus der Abteilung von Hans Mezger. Er wird oft „Boxer“ genannt, ist technisch aber ein 180°-V-Motor (mehr dazu auf der Seite V-Boxer).
- 1971
Alfa Romeo Alfasud
Alfa Romeo baut in Süditalien ein neues Werk für einen kompakten Fronttriebler mit wassergekühltem Vierzylinder-Boxer. Projektleiter ist Rudolf Hruska, der zuvor für Porsche gearbeitet hatte. Der flache Motor erlaubt eine niedrige Front und einen tiefen Schwerpunkt.
- 1972
911 Carrera RS 2.7
Für den Rennsport braucht Porsche ein Homologationsmodell: 2,7 Liter, 210 PS, in der leichtesten Version rund 975 kg. Die Zylinderlaufbahnen sind mit Nikasil beschichtet, einer sehr harten Schicht aus Nickel mit eingelagertem Siliziumkarbid. Damit laufen die Kolben direkt in Aluminiumzylindern, und es wird mehr Hubraum möglich, ohne den Motor äußerlich zu vergrößern.
Ferdinand Alexander „Butzi“ Porsche 1935 – 2012
- Rolle
- Designer des Porsche 911, Gründer von Porsche Design
- Beitrag zum Boxer
- Die Form, die um den Sechszylinder-Boxer herum entstand
Technik allein gewinnt keine Herzen, sie braucht eine Form. Ferdinand Alexander Porsche, Enkel von Ferdinand Porsche und von allen „Butzi“ genannt, entwarf Anfang der 1960er-Jahre den Nachfolger des 356: den 911.
Das Design ist untrennbar mit dem Motor verbunden. Weil der flache Sechszylinder-Boxer hinter der Hinterachse sitzt, konnte die Front niedrig und kurz bleiben. Die flach abfallende Dachlinie, im Porsche-Jargon „Flyline“ genannt, endet über einem Heck, das gerade genug Platz für Motor und Gebläse lässt. Der Grundriss ist so gelungen, dass er in jeder 911-Generation bis heute erkennbar ist.
1972 gründete Butzi Porsche das Studio Porsche Design und gestaltete fortan Uhren, Brillen und Alltagsgegenstände.
Hans Mezger 1929 – 2020
- Rolle
- Motorenkonstrukteur, später Leiter der Rennmotoren-Entwicklung bei Porsche
- Meisterwerk
- Der Sechszylinder-Boxer des 911 und der „Mezger-Motor“, außerdem der TAG-Turbo-Motor für die Formel 1
Der Mann hinter dem 911-Motor
Hans Mezger kam 1956 nach seinem Maschinenbau-Studium in Stuttgart zu Porsche, in die Berechnungsabteilung. Er war ein Ingenieur, der sich lieber auf genaue Berechnungen als auf das Bauchgefühl verließ, und er war an fast allen großen Motorprojekten der folgenden Jahrzehnte beteiligt.
Beim Sechszylinder-Boxer des 901 war Mezger maßgeblich an der Konstruktion beteiligt, unter anderem an der Kurbelwelle und am Ventiltrieb. Das Grundkonzept war so solide und mit so viel Reserve ausgelegt, dass es über drei Jahrzehnte weiterentwickelt werden konnte: von 2,0 Litern und 130 PS bis zu 3,6 Litern und über 400 PS im Turbo.
Vom Rennsport zurück auf die Straße
Als Leiter der Rennmotoren-Konstruktion verantwortete Mezger unter anderem den Zwölfzylinder des 917, der 1970 und 1971 Le Mans gewann, und die Turbomotoren für die Gruppe-C-Rennwagen 956 und 962. Für McLaren entwickelte er im Auftrag von TAG einen V6-Turbo für die Formel 1, mit dem McLaren von 1984 bis 1986 drei Fahrer-Weltmeistertitel gewann.
Als Porsche Ende der 1990er-Jahre im 996 auf Wasserkühlung umstellte, bekamen die Carrera-Modelle einen völlig neuen Motor (M96). Für den GT3 und den Turbo griff Porsche dagegen auf das Kurbelgehäuse des Rennwagens 911 GT1 zurück, das auf den luftgekühlten Motoren aufbaute, und setzte wassergekühlte Zylinderköpfe darauf. Diese Motoren heißen unter Fans bis heute einfach „Mezger-Motor“ und gelten als besonders haltbar (siehe Kasten in Kapitel 5).
Bis ins hohe Alter blieb Mezger Porsche verbunden. Er starb 2020 im Alter von 90 Jahren.
Turbo-Ära und Rennsport-Dominanz 1974 – 1998
In diesen Jahren erreicht der luftgekühlte Boxer seinen Höhepunkt. Der Turbolader wandert vom Rennwagen in die Serie, Porsche gewinnt in Le Mans fast nach Belieben, und mit dem 993 endet die Luftkühlung im 911. Auch außerhalb von Zuffenhausen tut sich viel: BMW, Honda, Subaru und die Luftfahrt setzen auf neue Boxer.
- 1974
911 Turbo (Typ 930)
Auf dem Pariser Salon zeigt Porsche den 911 Turbo: 3,0 Liter, ein Abgasturbolader und 260 PS. Er ist der erste Seriensportwagen mit Abgasturbolader und Ladedruckregelung. Ab 1977 kommen 3,3 Liter und ein Ladeluftkühler dazu, die Leistung steigt auf 300 PS. Berühmt-berüchtigt ist das Turboloch (siehe Kasten).
- 1975
Honda Gold Wing
Honda bringt mit der GL 1000 ein großes Reisemotorrad mit wassergekühltem Vierzylinder-Boxer. Ab 1988 hat die Gold Wing sechs Zylinder.
- 1976 – 1979
Porsche 935 und „Moby Dick“
Auf Basis des 911 Turbo entsteht der Rennwagen 935, der die Sportwagen-WM und Le Mans prägt. 1978 tritt die extreme Version 935/78, genannt „Moby Dick“, mit wassergekühlten Zylinderköpfen auf dem luftgekühlten Boxer an. Diese Kombination wird später zum Vorbild für den „Mezger-Motor“.
- 1982
Der VW-„Wasserboxer“
Im VW Bus T3 löst ein wassergekühlter Vierzylinder-Boxer den luftgekühlten Motor ab. Der Boxer bleibt im Heck, bekommt aber einen Kühler in der Front.
- 1981 – 1987
Sieben Le-Mans-Siege in Folge
1981 gewinnt der Porsche 936, von 1982 bis 1987 die Gruppe-C-Rennwagen 956 und 962. Alle haben einen aufgeladenen Sechszylinder-Boxer mit wassergekühlten Zylinderköpfen und je nach Version rund 600 PS und mehr.
- 1988
Porsche 964: Doppelzündung und Allrad
Der 964 bekommt einen neuen 3,6-Liter-Boxer (M64) mit zwei Zündkerzen pro Zylinder für eine schnellere, gleichmäßigere Verbrennung. Mit dem Carrera 4 gibt es den 911 erstmals in Serie mit Allradantrieb.
- 1989
Subaru Legacy mit EJ-Boxer
Subaru stellt die Motorenfamilie EJ vor, die über Jahrzehnte gebaut wird. Mit dem Turbo-EJ20 im Impreza gewinnt Subaru von 1995 bis 1997 dreimal die Marken-Weltmeisterschaft der Rallye-WM.
- 1989
Rotax 912
Der österreichische Motorenhersteller Rotax bringt einen kleinen Vierzylinder-Boxer für Ultraleicht- und Leichtflugzeuge heraus. Der Rotax 912 wird zu einem der verbreitetsten Flugmotoren der Welt.
- 1993
BMW „Oilhead“
Mit der R 1100 RS stellt BMW einen völlig neuen Boxer mit Vierventiltechnik und Ölkühlung vor, unter Fans „Oilhead“ genannt. Er löst die luftgekühlten Zweiventiler ab, die seit 1923 im Prinzip gleich geblieben waren.
- 1993 – 1998
Porsche 993: das Finale der Luftkühlung
Der 993 ist der letzte luftgekühlte 911. Ab Modelljahr 1996 hat der Carrera das variable Ansaugsystem VarioRam (siehe Kasten). Der 993 Turbo von 1995 nutzt erstmals zwei Turbolader, je einen pro Zylinderreihe, und leistet 408 PS. Die beiden kleineren Lader sprechen deutlich schneller an als ein großer.
Norbert Singer geboren 1939
- Rolle
- Renningenieur und Aerodynamiker bei Porsche
- Beitrag zum Boxer
- Die Rennwagen, die den Turbo-Boxer siegfähig machten
Während Hans Mezger die Motoren baute, sorgte Norbert Singer dafür, dass die Autos deren Kraft auch auf die Strecke bringen konnten. Singer kam 1970 zu Porsche und war ab dem 917 an fast allen Rennwagen der folgenden Jahrzehnte beteiligt. Er war berühmt dafür, Reglements bis an die Grenze auszureizen, etwa beim Porsche 935 und seiner flachen Front oder bei der Unterbodenaerodynamik des 956.
Für den Boxer war seine Arbeit entscheidend, weil die aufgeladenen Motoren enorme Wärme erzeugten. Kühlluft und Ladeluft mussten gezielt geführt werden, ohne den Abtrieb zu verschlechtern. Mit den Rennwagen, an denen Singer beteiligt war, gewann Porsche Le Mans über ein Dutzend Mal.
Wasserkühlung, Effizienz und Elektrifizierung 1996 – heute
Mitte der 1990er-Jahre waren strengere Abgas- und Geräuschvorschriften mit reiner Luftkühlung kaum noch zu erfüllen. Die Zylinderköpfe mussten genauer gekühlt werden, um höhere Verdichtung und Vierventiltechnik zu ermöglichen. Seitdem hat der Boxer Wasserkühlung, Direkteinspritzung, Turboaufladung und schließlich die Hybridisierung erlebt und ist dabei ein Boxer geblieben.
- 1996
Porsche Boxster (986)
Der Boxster ist der erste Porsche mit wassergekühltem Sechszylinder-Boxer. Der Motor (M96) hat vier Ventile pro Zylinder und sitzt als Mittelmotor vor der Hinterachse. Der Name „Boxster“ setzt sich aus Boxer und Roadster zusammen.
- 1997
911 (996): das Ende der Luftkühlung
Auch der 911 bekommt einen wassergekühlten Boxer, den 3,4-Liter-M96. Puristen sind entsetzt, doch der Motor ist leiser, sauberer und leistungsfähiger. Ab 1999 erscheinen GT3 und Turbo mit dem robusteren „Mezger-Motor“.
- 2004 / 2013
BMW R 1200 und der wassergekühlte Boxer
2004 wächst der BMW-Boxer auf 1.170 cm³. 2013 bekommt die R 1200 GS eine Kombination aus Wasser- und Luftkühlung. Die Kühlluftrippen an den Zylindern bleiben, gezielt wassergekühlt werden die besonders heißen Zonen im Zylinderkopf.
- 2008
Direkteinspritzung im 911 (997.2)
Mit der überarbeiteten Generation 997 führt Porsche einen neu konstruierten Boxer (9A1) mit Benzin-Direkteinspritzung ein (siehe Kasten). Er hat keine Zwischenwelle mehr, damit ist auch das Thema IMS-Lager aus der M96-Zeit erledigt.
- 2012
Subaru BRZ und Toyota GT86
Subaru und Toyota bringen gemeinsam einen leichten Sportwagen mit Frontmotor und Hinterradantrieb. Der Subaru-Boxer FA20 sitzt sehr tief und weit hinten im Motorraum, ein Paradebeispiel für den Schwerpunkt-Vorteil des Boxers.
- 2015
Turbo für alle 911 Carrera (991.2)
Um Verbrauch und CO₂ zu senken, haben alle 911 Carrera nun einen 3,0-Liter-Biturbo-Boxer. Nur die GT-Modelle bleiben Saugmotoren und drehen bis zu 9.000/min.
- 2016
718 Boxster und Cayman: zurück zum Vierzylinder
Porsche ersetzt im Boxster und Cayman den Sechszylinder durch einen Turbo-Vierzylinder-Boxer. Erstmals seit dem 912 und dem 914 gibt es wieder einen Porsche mit Vierzylinder-Boxer, technisch effizienter, klanglich umstritten. Die Verbrennerversionen sind inzwischen ausgelaufen.
- 2019 – 2023
BMW ShiftCam und R 1300
2019 bekommt der BMW-Boxer mit 1.254 cm³ eine variable Nockenwellensteuerung (ShiftCam), 2023 folgt der komplett neue Boxer der R 1300 GS mit 145 PS. Parallel dazu baut BMW mit der R 18 einen luftgekühlten „Big Boxer“ mit 1.802 cm³ im klassischen Stil.
- 2024
911 Carrera GTS T-Hybrid
Der erste Hybrid-911 für die Straße: ein neuer 3,6-Liter-Boxer mit elektrisch unterstütztem Turbolader und einer E-Maschine im Getriebe, zusammen 541 PS. Der Elektromotor im Lader beseitigt das Turboloch praktisch vollständig.
August Achleitner „Mister 911“
- Rolle
- Langjähriger Leiter der Baureihe 911 bei Porsche
- Beitrag zum Boxer
- Führte den 911 und seinen Boxer durch Wasserkühlung, Direkteinspritzung und Turboaufladung
Die frühen Kapitel dieser Geschichte wurden von einzelnen Konstrukteuren geprägt. Heute entstehen Motoren in großen Teams im Entwicklungszentrum Weissach. Stellvertretend für diese Teams steht August Achleitner, der die Baureihe 911 rund zwei Jahrzehnte lang verantwortete, von der Generation 997 bis zum Start des 992.
In seine Zeit fallen die Direkteinspritzung, der Wechsel zum Biturbo in den Carrera-Modellen und immer strengere Abgasvorschriften mit Partikelfiltern. Die Aufgabe blieb immer dieselbe: den Boxer sauberer und effizienter zu machen, ohne den tiefen Schwerpunkt, das direkte Ansprechen und den typischen Klang zu verlieren.